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  • Buchcover: Pullover mit Aufschrift Neue Nazis
27.08.2012

Neue Nazis

Buchempfehlung zu "Autonomen Nationalisten"

"Neue Nazis" heißt das gerade erschienene Buch der Journalisten Johannes Radke und Toralf Staud. Neben NSU-Mordserie, NPD-Krise und (Miss-)Erfolgen der Rechtspopulisten geht es vor allem um Neonazis, die sich „Autonome Nationalisten“ nennen. Wir haben Johannes Radke zu seinem Buch einige Fragen gestellt.

Herr Radke, wer genau sind die „Neuen Nazis“, um die es in ihrem Buch geht?

Die neuen Nazis, die wir im Buch ausführlich beschreiben, nennen sich selbst „Autonome Nationalisten“. Das besondere an dieser Strömung innerhalb der Kameradschaftsszene ist es, dass diese Gruppe sehr jung, äußerst gewaltbereit und vor allem für Außenstehende kaum noch zu erkennen ist.

Inwiefern?

Die „Autonomen Nationalisten“ kleiden sich sportlich und „cool“. Sie tragen schwarze Kapuzenpullover, Baseballcaps, Sonnenbrillen und Turnschuhe. Auf Aufmärschen spielen sie Hip Hop, Rock- und Popsongs. Transparente werden ganz „undeutsch“ mit englischsprachigen Parolen bemalt und bei Aufmärschen bilden sie nach dem Vorbild linker Autonomer schwarze Blöcke. Mit dem alten Bild von martialischen Naziskins in Bomberjacken und Springerstiefeln hat das nichts mehr zu tun.

Nazis die Linke nachmachen?

Was das Äußere angeht: Ja. Das hat am Anfang auch für viel Verwirrung gesorgt. Bei Nazigegnern wie auch in der rechtsextremen Szene selbst. Diese Nachwuchsnazis haben einfach festgestellt, dass die linksalternative Szene, anders als die altbackene Naziszene, sehr attraktiv für Jugendliche ist und überlegt, was sie übernehmen können. Am Ende haben sie einfach linksradikal geprägte popkulturelle Elemente in ihr Auftreten eingebunden. Damit geht aber keineswegs eine Modernisierung der rechtsextremen Ideologie einher. Ganz im Gegenteil: die AN sind besonders radikal in ihren Auslegung rechtsextremer Denkmuster. Bei einem Aufmarsch in Dortmund prangte Beispielsweise ganz offen ein Zitat von Hitler auf dem Fronttransparent. Das würde sich beispielsweise die NPD nicht trauen.

Seit wann gibt es die AN und wie groß ist die Szene?

Angefangen sich so zu kleiden haben junge Dortmunder und Berliner Neonazis 2003. Danach setzte sich dieser Trend verhältnismäßig schnell in der jugendlichen Szene durch. Einige Jahre später gab es bereits in jedem Bundesland eigene AN-Gruppen. Inzwischen schätzt der Verfassungsschutz den harten Kern auf knapp 1000 Personen. Das entspricht fast 20 Prozent des als gewaltbereit eingestuften Nazispektrums.

Was macht die AN gefährlicher als andere Rechtsextremisten?

Was wir beobachten ist, dass die AN eine Art Professionalisierung der Gewalt vorantreiben. Sie sagen selbst, dass eines ihrer Hauptziele der Kampf gegen Menschen ist, die sich gegen rechts engagieren. Anders als (betrunkene) Nazi-Skinheads, verüben sie weniger häufiger spontane Taten, sondern gehen geplant vor. Politiker, Gewerkschafter und alternative Jugendliche werden mit viel Aufwand fotografiert und ihre Adressen recherchiert. Besonders gefährlich macht die AN, dass sie keine taktische Zurückhaltung kennen. Sie sind an Wahlen nicht interessiert und auch was der normale Bürger von ihnen denkt, interessiert sie nicht. Daher gibt es auch viel weniger Skrupel bei gewaltsamen Angriffen auf politische Gegner. Es gab bereits mehrere Fälle bei denen AN mit selbst gebauten Sprengsätzen hantiert haben.

Wie sollte man mit diesem neuen Nazi-Phänomen umgehen?

Das Wichtigste ist es noch genauer hinzuschauen. Um sich gegen Neonazis zu engagieren muss man wissen, mit wem man es zu tun hat. Die AN sind nur noch zu erkennen, wenn man die entsprechenden Szenemarken, Codes und Symbole kennt. Auch ist eine Auseinandersetzung mit den Inhalten wichtig. Die AN springen gerne auf aktuelle politische Themen wie Krise, Soziale Frage oder auch Tierrechte auf und laden sie rassistisch und antisemitisch auf. Man muss diese rechtsextremen Argumentationsmuster immer wieder analysieren, entzaubern und widerlegen.

Und ganz konkret im Alltag?

Da ist es natürlich das beste Mittel den AN etwas entgegenzusetzen – eine nicht-rechte, alternative Jugendkultur zu fördern. Das heißt auch Betroffene rechter Gewalt konkret zu unterstützen und Jugendliche, die sich gegen Nazis engagieren nicht als „Linksextremisten“ zu diffamieren.

Neue Nazis von Toralf Staud & Johannes Radke
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Taschenbuchausgabe für 9,99 Euro
Hier bestellen
In das Buch reinlesen unter www.neue-nazis.de