Blog

  • Heraus zum Frauen*kampftag am Sonntag, den 08.März 2015!
06.03.2015

We Can't Believe We're Still Protesting!

Wie schön: Wir haben eine Kanzlerin. Geklärt ist trotzdem nichts: Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen auf dem Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt besteht nach wie vor.
Ein Text von Julia Böhnke.

Wir können nicht glauben, dass wir immer noch demonstrieren: Diesen Slogan US-amerikanischer Frauenrechtsaktivist_innen wird man auch am 8. März 2015 wieder auf Plakaten und Transparenten lesen. Die Debatten um Geschlecht(er) sind weiterhin aktuell und erregen die Gemüter: Es wird in Talkshows und Feuilletons über Ampelmädchen, Frauenquoten in Aufsichtsräten und Gender Mainstreaming gestritten oder debattiert, ob Uni-Sex-Toiletten der Anfang vom Ende des Abendlandes sind.

Wurde den Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihr Recht zu wählen in Deutschland erstritten, damals noch entgegnet, sie seien per se nicht fähig, eine solche verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen, hören Frauenrechtsaktivist_innen heute ganz andere Töne: Frauen und Männer seien heute vollkommen gleichgestellt, es gäbe folglich gar keinen Grund für den ganzen "Genderwahn". In einem Land, in dem eine Frau Bundeskanzlerin ist, käme es offensichtlich auf individuelle Leistungen an - und man könne mitnichten weiter von Geschlechterdiskriminierung sprechen.

Als Gewerkschaftsjugend sagen wir: Doch können wir! Diskriminierung und strukturelle Ungleichbehandlung von Frauen findet sich in vielen Facetten des Berufslebens wieder, sie beginnt bereits bei der Vermittlung klassischer Rollen- und Aufgabenverteilung im Kindesalter und setzt sich in der Ausbildung und beim Berufseinstieg fort.

"Wenn ich groß bin, werde ich…" - Junge Frauen in der Ausbildung
Obwohl junge Frauen aller Schulformen durchschnittlich bessere Schulabschlüsse erzielen als ihre männlichen Altersgenossen, haben sie größere Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden. Der Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt seit Jahren eine deutliche Lücke zwischen den Geschlechtern: So haben im Jahr 2012 63,4 Prozent der ausbildungsinteressierten jungen Frauen einen Ausbildungsplatz gefunden, wo es im gleichen Jahr bei den männlichen Ausbildungsinteressierten 68,8 Prozent waren.

Darüber hinaus zeigt der Ausbildungsreport der DGB-Jugend seit Jahren, dass junge Frauen häufiger in Berufen mit niedrigeren Vergütungen und schlechteren Ausbildungsbedingungen ausgebildet werden als junge Männer. So gibt es Berufsfelder - insbesondere in Dienstleistungsbranchen -, in denen über 80 Prozent der Auszubildenden weiblich sind (beispielsweise im Friseurhandwerk, bei zahnmedizinischen Fachangestellten oder bei Kaufleuten für Bürokommunikation).

Und es gibt Berufsfelder - eher aus industriellen und technischen Branchen - in denen über 80 Prozent der Auszubildenden männlich sind: zum Beispiel bei den Anlagenmechaniker_innen, Fachinformatiker_innen oder Metallbauer_innen).

Die Ungleichheiten zwischen jungen Männern und Frauen in der Ausbildung zeigt sich aber auch in der Ausbildungsqualität. So liegt beispielsweise die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in den weiblich dominierten Berufen deutlich häufiger über 40 Stunden (22 Prozent) als in den männlich dominierten (12,7 Prozent).

Auch leisten Auszubildende in den weiblich dominierten Berufen häufiger Überstunden als in den männlich dominierten (37,6 Prozent zu 33,6 Prozent), erhalten dafür jedoch seltener einen Ausgleich.

Letztlich findet sich auch die Entgeltungleichheit zwischen Männern und Frauen bereits in der Berufsausbildung wieder: Im Jahr 2014 erhielten Auszubildende in weiblich dominierten Ausbildungsberufen im dritten Ausbildungsjahr im Durchschnitt monatlich 84 Euro weniger Ausbildungsvergütung als Auszubildende in den männlich dominierten Ausbildungsberufen.

Weniger Vollzeit, weniger Geld und mehr Unsicherheit - Berufseinstieg junger Frauen
Deutliche Unterschiede zwischen männlich und weiblich dominierten Ausbildungsberufen zeigen sich auch bei der Übernahmesituation nach der Ausbildung. Während 33 Prozent der Auszubildenden in den männlich dominierten Berufsgruppen eine Übernahmezusage haben, ist dieser Anteil bei den Auszubildenden in den weiblich dominierten Berufen mit 24,7 Prozent deutlich niedriger.

Tatsächlich ist der prekäre Berufseinstieg junger Menschen heute kein geschlechterspezifisches Phänomen. Atypische und Prekäre Beschäftigung junger Menschen nimmt seit über 10 Jahren deutlich zu.

Besonders auffällig ist, dass das "Normalarbeitsverhältnis" in der jungen Generation stark zurückgeht. Nach Daten des European Labour Force Survey sind heute 35 Prozent der jungen Frauen unter 30 Jahren und 31 Prozent der jungen Männer im gleichen Alter in Minijobs, Midijobs, befristeter Beschäftigung oder Solo-Selbstständigkeit tätig.

Die Diskriminierung von jungen Frauen am Arbeitsmarkt spiegelt sich auch in der Entgeltungleichheit wider: Laut einer WSI-Studie beträgt der Gehaltsunterschied schon innerhalb der ersten drei Berufsjahre 19 Prozent. Bei gleicher Ausbildung, gleichem Alter und gleichem Beruf liegt das Minus immer noch bei 12 Prozent.

Das sogenannte "Gender Pay Gap" beschreibt die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen. In Deutschland liegt sie laut Statistischem Bundesamt bei 23 Prozent. Das heißt, Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer.

Verantwortlich sind hierfür teilweise unterbrochene Erwerbsbiografien durch Erziehungszeiten, höhere Teilzeitquoten bei Frauen oder, dass die Arbeit in von Frauen dominierten Berufen deutlich geringer angesehen und vergütet wird als die Arbeit in männerdominierten Berufen.

Interessant ist jedoch, dass die von Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge bereits heute die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt deutlich verbessern: Denn das Gender-Pay-Gap liegt bei Arbeitnehmer_innen ohne Tarifbindung sogar bei 29,6 Prozent - bei Kolleg_innen mit Tarifbindung jedoch "nur" bei 15,6 Prozent.

Yes we can: Junge Frauen können Arbeitskampf!
Tarifverträge sind folglich ein wichtiges Instrument, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Arbeitsleben geht. Dabei ist wesentlich: Gute Tarifergebnisse fallen nicht vom Himmel, sondern werden von Gewerkschafter_innen erkämpft.

Und auch junge Frauen können Arbeitskampf: Das zeigte unter anderem eindrucksvoll der wochenlange Erzieherstreik von 2009, bei dem ver.di und GEW für einen tariflich geregelten Gesundheitsschutz für knapp 200.000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst, für höhere Eingruppierung von pädagogisch tätigem Personal und für mindestens 200 Euro netto mehr im Monat erfolgreich gestritten haben.

Die Wut über die schlechte Bezahlung, die fehlende Anerkennung und die wachsenden psychischen und physischen Belastungen hat die Kolleg_innen auf die Straße gebracht. In einer Studie "Junge Frauen auf dem Sprung" (Jutta Allmendinger, 2013) gaben 70,5 Prozent der weiblichen Befragten unter 30 an, dass sie über die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsmarkt wütend sind.

Ein weiteres Beispiel ist die derzeitige Tarifrunde des Sozial- und Erziehungsdienstes: Da geht es 2015 um die Aufwertung der Tätigkeiten. Im Sozial- und Erziehungsdienst arbeiten unter anderem Erzieher_innen in Kitas, Sozialarbeiter_innen in Beratungsstellen, Kinderheimen oder Jugendämtern und Heilerziehungspfleger_innen in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Allesamt Berufe, die von Frauen dominiert werden.

Dass diese Erzieher_innen, Sozialarbeiter_innen und Heilerziehungspfleger_innen viel leisten, bestreitet niemand. Aber im Gehalt spiegelt sich das nicht wider: Die Einstiegsgehälter liegen beispielsweise für Erzieher_innen bei knapp über 2.300 Euro brutto und enden bei knapp 3.200 Euro brutto.

Da sehr viele Kolleg_innen im Sozial- und Erziehungsdienst - meist ungewollt - in Teilzeit arbeiten, ist ihr tatsächliches Einkommen jedoch deutlich geringer. Sie müssen dann häufig Zweitjobs annehmen - und ihnen droht Altersarmut. Angesichts gestiegener Anforderungen und anspruchsvoller Ausbildungen ist es Zeit für eine angemessene Bezahlung der Fachkräfte im Sozial- und Erziehungsdienst.

Was wir fordern
Für uns als Gewerkschaftsjugend ist klar: Soziale und Erziehungsberufe müssen nicht nur mit deutlich mehr Geld vergütet werden, sondern auch gesellschaftlich mehr Anerkennung erfahren. Und das ist nur einer von vielen Gründen, warum wir am 8. März den internationalen Frauentag begehen und zum Frauen*kampftag aufrufen!

Die Autorin Julia Böhnke ist DGB-Jugend-Referentin