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  • Frau am Laptop angewidert von männlicher Hand auf der Schulter
01.02.2013

Sexismus im Alltag

Über den Aufschrei der Frauen und das Lernpotenzial der Männer

Es passiert überall: Am Arbeitsplatz und in der Schule, im Jugendclub und in der Disko, in der U-Bahn, im Supermarkt, in den eigenen vier Wänden. Anzügliche Bemerkungen, starrende Blicke, ungewollte Nähe bis hin zu übergriffigem Verhalten. Der alltägliche Sexismus – produziert durch Männer. Für viele Frauen traurige Realität.

Vor einer Woche machte eine Journalistin öffentlich, wie ein Politiker ihr gegenüber zudringlich wurde. Seitdem läuft deutschlandweit eine breite Debatte über sexistisches Verhalten im Alltag.

Zehntausende Userinnen und User tauschen sich seither auf Twitter über das Thema aus, wo unter dem Hashtag #Aufschrei die täglichen Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Sexismus gesammelt werden. Mittlerweile gibt es auch eine englische (#outcry) und eine französische (#assez) Version des Twitter-Schlagworts.

In sämtlichen Online- und Print-Medien, in Talkshows, sozialen Netzwerken, auf dem Schul- und Betriebshof, in der Kneipe oder in der Küche wird momentan diskutiert und verhandelt: über das Verhältnis zwischen Mann und Frau – im Privaten und am Arbeitsplatz. Die Auseinandersetzung zeugt von dem Wunsch, verbindliche Regeln zwischen den Geschlechtern neu festzulegen.

Konservative Werte – trotz Emanzipation
Jene Generation, die mit dem Gedanken groß geworden ist, die letzte Stufe der weiblichen Karriereleiter sei der Posten als Chefsekretärin, befindet sich heute glücklicher Weise im Rentenalter – oder ist kurz davor.

Und viele Menschen in Deutschland haben mittlerweile eine einigermaßen aufgeklärte Sicht auf die Geschlechtergerechtigkeit. Nicht zuletzt dank der so genannten 68er-Bewegung im Westen und der (sozialen) Emanzipation im Osten.

Dennoch belegt die Friedrich-Ebert-Stiftung, dass sexistische Einstellungen weit verbreitet sind – allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung in Ost und West. 43 Prozent der Westdeutschen sind der Meinung, "die Frau soll sich wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen". Im Gegensatz dazu teilen "nur" 25 Prozent der Ostdeutschen diese Ansicht.

Im gesamten Bundesgebiet meinen fast 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, eine Frau solle besser ihren Mann bei seiner Karriere unterstützen, als selbst berufliche Erfolge anzustreben.

Was ist Sexismus?
Sexismus meint die Konstruktion und Aufrechterhaltung von Unterschieden zwischen Menschen auf Grund ihres Geschlechts bzw. ihrer sexuellen Orientierung. Männern und Frauen werden auf dieser Basis – quasi naturgesetzlich – unterschiedliche Rechte und Pflichten zugeteilt.

Dabei wird abgestritten, dass erst der gesellschaftliche Anpassungsprozess – und nicht ausschließlich das biologische Geschlecht – den fertigen Menschen formt. Auf diese Weise wird den Menschen eine eigene Individualität abgesprochen. Das ist ebenso rückwärtsgewandt wie ungerecht.

So oder ähnlich heißt es oft: "Mädchen sind zu blöd für naturwissenschaftliche Fächer wie Physik". Dass solche Äußerungen nicht nur wissenschaftlich gesehen Unfug sind, belegen viele Studien. Derart sexistische Allgemeinplätze verleugnen vor allem auch die offensichtlichen Defizite, die Jungen in diesen Bereichen haben.

Negative Zuschreibungen dieser Art ziehen sich durch das gesamte Leben von Frauen – in Schule, Ausbildung, Berufsleben und im privaten Bereich. Daraus resultieren schlechtere Voraussetzungen für Frauen, die ein gleichberechtigtes Zusammenleben verhindern – von Chancengleichheit am Arbeitsplatz ganz zu schweigen.

Schon Ende der 60er Jahre erkannte eine amerikanische Frauen-Gewerkschaft: "Die Teilung der Arbeit und der Ressourcen nach dem biologischen Geschlecht konstituiert ein System des Sexismus, welches die älteste Form institutionalisierter Unterdrückung ist. Um Sexismus zu zerstören, müssen wir kämpfen, als Frauen, kollektiv für die Einheit der Menschheit." (Quelle: Southern Female Rights Union Program for Female Liberation, New Orleans)

Was kann man(n) tun?
Männer wollen oft nicht verstehen, was sie mit ihren "lustigen" Herrenwitzen, im Kern sexistischen Bemerkungen oder mit Berührungen anrichten können. Deshalb liegt die Verantwortung in erster Linie bei ihnen.

Ein paar Hinweise, die eigentlich selbstverständlich sein sollten:

  • Wenn Frauen Miniröcke oder Dekolleté tragen, ist das keine Einladung zum Starren, Anbaggern oder Grabschen.
  • Wenn Frauen tanzen, heißt das nicht automatisch, dass sie mit Männern tanzen wollen. Auch hier ist Sensibilität gefragt.
  • Es hilft, sich als Mann in bestimmten Situationen in Frauen hineinzuversetzen. Und das eigene Verhalten ggf. entsprechend zu ändern.
  • Selbst wenn es möglicherweise unangenehm ist: Männer sollten es ernst nehmen, wenn Frauen über sexuelle Belästigungen oder Diskriminierung sprechen und Frauen unterstützen, dagegen vorzugehen.
  • Was ist angemessen bzw. erwünscht und was nicht? Solche Fragen klärt das so genannte Zustimmungskonzept. Darüber darf ruhig auch im Freundes- bzw. Kolleginnen- und Kollegenkreis diskutiert werden. Konsens wird schließlich verhandelt.

Verinnerlichen sollten gleichermaßen Frauen und Männer, dass Frauen sich nicht eingeschränkt fühlen sollten - weder bei der Frage, ob sie abends noch vor die Tür gehen, noch dabei, welche Kleidung sie tragen.

Regelungen am Arbeitsplatz
Seit 2006 regelt das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. § 3 Abs. 4 AGG definiert klar, dass bereits Bemerkungen oder ungewollte, körperliche Nähe die Würde der betreffenden Person verletzen.

Die Konsequenzen für Täter_innen reichen von der Ermahnung bis zur fristlosen Kündigung. Geht die sexuelle Belästigung von Chef oder Chefin selbst aus, sollten Betriebsrat, Gewerkschaft oder die Diskriminierungsstelle des Landes bzw. Bundes kontaktiert werden.

Karin Schwendler, Bereichsleiterin Gleichstellungspolitik bei ver.di, rät dazu, "sich mitzuteilen und Kolleginnen und Kollegen einzuweihen". Die Schutzbehauptung vieler Männer, nicht mitzubekommen, was sie anrichten, verneint Schwendler: "Sie wissen, dass bestimmte Bemerkungen Frauen herabsetzen."

Übrigens: ver.di fordert schon lange eine Frauenquote, um dominierende Männerklüngel in Unternehmen, Betrieben und Behörden aufzubrechen. Ein wichtiger Vorstoß – auch um sicherzustellen, dass weibliche Opfer einer sexuellen Belästigung zu einer Chefin gehen können und nicht zu einem männlichen Vorgesetzten, der Teil des Problems sein könnte.

Linktipps zum Thema
www.alltagssexismus.de
www.antidiskriminierungsstelle.de