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  • Großer Daumen drückt von oben auf kleinen Mann
15.11.2012

Homosexualität im Arbeitsleben

Gemeinsam gegen Diskriminierung

Wer kennt sie nicht: Geschmacklose Witze und Sprüche gegen Schwule und Lesben. Ob in der Schule oder im Betrieb, ob im Hip-Hop oder am Stammtisch. Diskriminierung von Homosexuellen hat viele Gesichter und ist weit verbreitet. Auch am Arbeitsplatz.

Der Schwulen- und Lesbenverband Deutschlands (LSVD) schätzt, dass circa zwei bis vier Millionen Menschen in Deutschland homosexuell sind. Laut einer Studie der Universität Köln haben drei Viertel von ihnen bereits Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt. Demnach werde jede_r zehnte Homosexuelle wegen der sexuellen Ausrichtung sogar stark gemobbt – oder war körperlicher Aggression ausgesetzt. Und eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat herausgefunden, dass 38 Prozent der Deutschen glauben, Homosexualität sei unmoralisch.

Verständlicherweise fühlen sich viele Betroffene mit ihrer Situation am Arbeitsplatz allein gelassen und überfordert. Sie leiden unter Tuscheleien, Anspielungen, Gerüchten und der damit zusammenhängenden Isolation. Auch die Angst vor einer Ungleichbehandlung durch den Chef und damit verbauten Aufstiegschancen spielen für viele eine große Rolle.

Scheu vor öffentlicher Auseinandersetzung
"Viele Menschen trauen sich nicht, nach außen präsent zu machen, dass sie gemobbt werden", berichtet Wolfgang Werner vom Bundesarbeitskreis Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in ver.di. "Wir hatten bereits mehrfach Diskriminierungsfälle, in denen die Betroffenen nicht wollten, dass wir mit dem Betriebsrat reden und vermitteln", so Werner.

Dennoch: Politisch und gesellschaftlich hat sich hinsichtlich der Anerkennung von Homosexuellen eine Menge getan hat. Sie haben sich Stück für Stück Rechte erkämpft und sind der Gleichstellung mit Heterosexuellen näher gekommen. Bekannte gesetzliche Beispiele sind etwa das Lebenspartnerschaftsgesetz oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Auch der Völklinger Kreis, eine Interessenvertretung schwuler Führungskräfte und Selbstständiger, beobachtet einen deutlichen Rückgang offener Diskriminierung von Homosexuellen im Arbeitsleben.

Mehr Schwulenfeindlichkeit im Mittelstand und auf dem Land
Während bei vielen großen Unternehmen heute Gleichstellung im Betrieb großgeschrieben wird, spielt dieses Thema in vielen mittelständischen Unternehmen allerdings noch keine Rolle – vor allem nicht in ländlichen Gegenden. Leider sträuben sich gerade konservative Unternehmer_innen, Diskriminierung von Homosexuellen als Problem zu begreifen und dagegen vorzugehen.

Kein Wunder also, dass über die Hälfte der Schwulen und Lesben ihre sexuelle Identität am Arbeitsplatz geheim hält. Damit ist der Alltag in vielen deutschen Betrieben geprägt durch die Selbstverleugnung homosexueller Kolleginnen und Kollegen. Beim betrieblichen Sommerfest muss dann eben eine Cousine die Verlobte spielen oder der Bruder für ein Foto posieren, das auf den Schreibtisch gestellt wird. Alles nur, um die heterosexuelle „Normalität“ zu wahren.

Homofreundliche Unternehmen sind erfolgreicher
Das ständige Versteckspiel mindert allerdings nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch ihre Arbeitsleistung: Wer sich nicht outet, muss sich darauf konzentrieren, eine Hetero-Parallelwelt aufzubauen. Dabei geht eine Menge Energie verloren, die Belastungsfähigkeit nimmt ab.

Studien haben nachgewiesen, dass die Identifikation mit einem Unternehmen steigt, wenn Angestellte sein dürfen, wie sie sind – und sich nicht verstellen müssen. Außerdem wurde herausgefunden, dass gemischte Belegschaften aus Homo- und Heterosexuellen deutlich produktiver und kreativer sind. Das heißt im Klartext: Homofreundliche Unternehmen sind erfolgreicher.

Einmischen statt wegschauen
Wichtiger als der wirtschaftliche Aspekt ist natürlich die Solidarität in der Belegschaft. Wenn also auf Kosten von lesbischen Kolleginnen und schwulen Kollegen Witze gerissen werden oder Mobbing betrieben wird, ist Jede_r gefragt, sich dagegen zu stellen. Das gibt Rückhalt und zeigt homosexuellen Mitarbeiter_innen, dass sie nicht alleine sind. Wer sich einmischt, macht deutlich, wo der Spaß aufhört und wo Ausgrenzung und Diskriminierung beginnen.

Mehr zum Thema
- Weitere Informationen gibt es beim Bundesarbeitskreis Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in ver.di.
- Der LSVD Bundesverband hat auf seiner Internetseite umfangreiches Material zum Thema AGG zusammengestellt.
- Betroffene informiert der LSVD Köln – auch über die rein rechtliche Perspektive hinaus.
- Auskünfte speziell für Unternehmen, Betriebsräte und Gewerkschaften gibt es ebenfalls vom LSVD Köln.