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  • Mann greift sich erschöpft an den Kopf
22.02.2013

Das Prekariat der Leiharbeit

Überfällige Debatte zu organisierter Ausbeutung

Prekär beschäftigt und privat schikaniert: Nachdem öffentlich wurde, wie ein großes Internet-Versandhaus Leiharbeitende aus den europäischen Mitgliedsstaaten behandelt, ist in der Bundesrepublik eine schon lange nötige Debatte über Leiharbeit und reguläre Beschäftigungsverhältnisse entbrannt.

Langsam aber sicher kommt Europas Krise auch in Deutschland an – diesen Eindruck erweckt z. B. der unten folgende TV-Beitrag über die Arbeitsbedingungen beim größten Internet-Versandhändler. Jene Depression, die seit 2008 wahlweise Immobilien-, Banken-, Finanz-, Wirtschafts- oder eben Eurokrise genannt wird, haben Banken, Versicherungen und Regierungen verschuldet – getragen wird sie vor allem vom europäischen Steuerzahler.

"Gewinne privatisieren – Verluste vergesellschaften", könnte das unsoziale Motto der Regierenden lauten. Vollzogen wird diese Politik u. a. durch den Eurorettungsschirm (dessen Gelder nur leider nicht bei den Bedürftigen, sondern bei hoch verschuldeten Banken landen). Oder eben durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie die Leiharbeit.

Der Weg aus der Krise?
Die europäischen "Krisenländer" Spanien und Griechenland sowie die ehemaligen Ostblockstaaten Bulgarien und Rumänien kämpfen aktuell mit 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Selbst hochqualifizierte Fachkräfte suchen händeringend nach Jobs.

Zwangsräumungen bei zahlungsunfähigen Mieter_innen sind ebenso an der Tagesordnung wie lange Schlangen in den Suppenküchen. Angesichts dieser Entwicklungen und in die Höhe schnellender Selbstmordraten ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen aus diesen EU-Staaten in Ländern wie Skandinavien, Frankreich und der BRD einen Weg aus ihrer hoffnungslosen Situation suchen.

Das große Geschäft mit der Leiharbeit
Mittlerweile schlagen unzählige Agenturen Kapital aus diesem Elend. Sie haben sich auf Auswanderung aus den jeweiligen Ländern spezialisiert und bieten Unternehmen ihre "Human Resources" auf einschlägigen Jobvermittlungsplattformen an – inklusive "kultureller Vorbereitung" der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie "Begleitung" in den ersten Monaten.

Dabei werben sie vor allem damit, dass die zu zahlenden Löhne lediglich auf z. B. "spanischem Niveau" und die vermittelten Arbeitskräfte "hochmotiviert" seien. Die Agenturen verdienen damit überdurchschnittlich gut – während die Betroffenen vergeblich auf den ersehnten Geldregen warten.

Beim Einsatz von Zeitarbeiter_innen verstoßen die Betriebe immer häufiger gegen das Gesetz. Auch Schikane ist gängige Praxis. Schließlich können sich die Leiharbeitenden aus den europäischen Krisenländern kaum wehren: In ihren Herkunftsländern warten nicht selten Angehörige oder mehrköpfige Familien auf das dringend benötigte Geld. Auch die ausweglose Situation im Heimatland lässt viele europäische Leiharbeiter_innen die illegalen Praktiken am deutschen Arbeitsmarkt ertragen.

Der Skandal beim Versandhändler
Die Zumutungen gehen teilweise soweit, dass Arbeiter_innen zwangsweise in Hotelanlagen untergebracht werden – wie beim berüchtigten Internet-Versandhändler geschehen. Diese Versorgungskosten werden vom Lohn abgezogen. Eigene Getränke und Lebensmittel sind in den Anlagen verboten.

Im oben genannten TV-Beitrag wird deutlich, wie die Betroffenen von einem Security-Unternehmen kontrolliert werden, welches Verbindungen in rechtsextreme Kreise hat. Mit anderen Worten: Deutsche Nazis beaufsichtigten europäische Leiharbeitende beim Essen, in den Gemeinschaftsräumen und sogar unangekündigt in den Hotelzimmern. Selbst verdachtsunabhängige Taschenkontrollen wurden durchgeführt – ein Gefühl permanenter Beobachtung war die logische Folge.

Der Ruf nach Solidarität
"Einreisesperren für Armutsauswanderer" fordert jetzt Bundesinnenminister Friedrich – anstatt sich um das längst bekannte, bundesweite Problem zu kümmern und arbeitsrechtliche Lösungen dafür zu schaffen. Diese populistische Position, die Migration zum Wahlkampfthema macht, ist nicht nur menschlich gesehen rückwärtsgewandt. Sie kriminalisiert vor allem jene, die auf Solidarität angewiesen sind.

Deshalb sei hier das Freizügigkeitsgesetz der EU hervorgehoben: Danach kann jede_r selbst wählen, in welchen Mitgliedsstaaten er oder sie leben und arbeiten will. Das Gesetz ist eine wesentliche Errungenschaft für den europäischen Arbeitsmarkt.

"Gleiches Geld für gleiche Arbeit, ob in Festanstellung oder Leiharbeit. Egal, aus welchem Land die Beschäftigten kommen", fasst Ringo Bischoff, ver.di Bundesjugendsekretär, den Fairness-Grundsatz der Gewerkschaft zusammen.

Die Macht der Kundschaft – gemeinsam stark
Im Fall des Internet-Versandhändlers denken viele jetzt an einen Firmenboykott. Großunternehmen juckt das allerdings wenig. Deutlich wirksamer: Öffentlichkeit herstellen, Protest-Mails und Petitionen schreiben.

Langfristig am effektivsten ist es, einer Gewerkschaft beizutreten, um organisiert für die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu kämpfen. Und zwar ganz egal, aus welchem Land sie ursprünglich stammen.