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  • Junge Frau am Holocaust-Mahnmal in Berlin
03.02.2015

Das Leben lieben – Auschwitz erinnern

In Gedenken an die Shoa

„Ich habe immer daran geglaubt, daß das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glaube ist nicht Überheblichkeit, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses, es ist das Ende eines Prozesses.“ (Elie Wiesel)

„Auschwitz, Holocaust. Ich kann's nicht mehr hören. Es muss doch mal Schluss sein" – mit diesen Worten begann der ARD-Tagesthemenkommentar am 27. Januar 2015. Es war der 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Rund 48 Stunden später sah sich der Sender genötigt, auf der eigenen Website einen Kommentar zum Kommentar abzugeben. Der war nämlich eingeschlagen wie eine Bombe: Als Facebook-Post kam er auf eine Reichweite von 3,6 Millionen. Über 30.000 Likes, 14.000 Mal geteilt und rund 3.000 Kommentare – das war der Zwischenstand. Die ARD musste drei Mitarbeiter_innen in Vollzeit für die Betreuung der Kommentarspalte einsetzen. Was war passiert?

Eigentlich etwas sehr Einfaches: Anja Reschke, die Kommentatorin, hat Stellung bezogen. Klar und deutlich. Und zwar gegen die Worte, die sie zum Einstieg zitierte. „Es gibt keinen Schlussstrich in der Geschichte!“ – das war ihr Appell. Auschwitz sei Bestandteil ihrer deutschen Identität. Daran gebe es nichts zu rütteln, das könne man nicht streichen oder vergessen. "Dieser Teil unserer Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann." Und damit hat sie offenbar einen Nerv getroffen. Denn es hagelte Zustimmung, aber auch wüste Beschimpfungen.

Der Wunsch, zu vergessen
Einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen, diese Forderung ist nicht neu. Im Grunde geistert sie bereits seit den 1950er Jahren durch Deutschland. Mit dem Wirtschaftswunder kam der Wunsch, zu vergessen. Und er wuchs stetig. Heute stimmt mit 77 Prozent eine große Mehrheit der Aussage zu, „man sollte die Geschichte ruhen lassen und sich gegenwärtigen oder zukünftigen Problemen widmen“. 81 Prozent unterstützen das Statement: „Wir sollten uns lieber gegenwärtigen Problemen widmen als den Verbrechen an den Juden, die mehr als 60 Jahre zurückliegen.“ (Quelle: Studie der Bertelsmann Stiftung 2015: „Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart?“)

Woher dieses Bedürfnis kommt, ist recht einfach zu erklären: Man möchte sich nicht mit Schuld, Verantwortung oder Scham herumplagen. Man möchte sich wohlfühlen in seiner Haut. Alles nachvollziehbare Dinge. Nur: Schließt denn das Eine das Andere tatsächlich aus?

Vergessen können sich nur diejenigen leisten, die nicht oder nur am Rande betroffen waren. Oder die Täter. Aber kein Opfer des Nationalsozialismus wird vergessen können. Niemand. Niemals. Weder die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, noch die Zwangsarbeiter_innen, die Gefolterten, die Eingesperrten, die Verjagten, noch die Befreier_innen. Sie müssen damit leben. Das ist nicht ihre Entscheidung gewesen. Dazu wurden sie gezwungen. Und das übrigens, ist einer der wichtigen Unterschiede zwischen Opfern und Tätern.

70 Jahre nach Auschwitz
Es sind nicht mehr viele der Überlebenden am Leben heute. Deshalb standen sie dieses Jahr im Mittelpunkt der Feierlichkeiten zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. 300 von ihnen waren nach Auschwitz gereist, um der Millionen Opfer des Nationalsozialismus und der Shoah zu erinnern. Für die meisten von ihnen wird es das letzte Mal gewesen sein. Das ist ihnen bewusst – nachzulesen in vielen Interviews, die in den vergangenen Tagen mit ihnen geführt wurden. In sehr naher Zukunft werden keine Überlebenden mehr da sein. Und das ist ein Problem. Denn es sind ihre Botschaften, die den Bogen ins Heute schlagen. Die deutlich machen, dass Vergangenheit und Zukunft zusammengehören. Dass Leid, wo und wessen auch immer, nicht gegeneinander aufgerechnet werden darf, sondern gemeinsam bekämpft werden muss.

Marian Turski ist polnischer Jude, 88 Jahre alt und hat Auschwitz überlebt. Heute ist er der stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Auschwitz Komitees. Der Beginn von Auschwitz, so sagte Turski am 26. Januar in Berlin, liege in der Demütigung von Menschen. Wenn heute ein Bosnier oder ein Türke, ein Israeli oder ein Palästinenser, ein Christ oder ein Muslim gedemütigt werde, dann sei das, „als beginne Auschwitz von Neuem“.

Ein klares Statement. Und genauso aktuell wie der Kommentar von Anja Reschke, der mit folgenden Worten endete: „Nach diesem Film konnte ich nicht schlafen, also habe ich umgeschaltet. Und was sehe ich? Pegida-Demonstranten in Dresden, die sich aufregen über die vielen Ausländer in Deutschland. Ganz ehrlich: da ist mir dann wirklich schlecht geworden.”

Niemals vergessen, immer erinnern
Wenn wir Auschwitz gedenken, geht es nicht um Schuld und Scham. Es geht darum, nicht zu vergessen, wozu Menschen fähig sind. Und diese Sensibilität im Heute und Hier in Handeln zu übersetzen – gegen jede Form von Ausgrenzung, Diskriminierung und Abwertung. Dazu gehört, nicht wegzuschauen, sondern sich einzumischen, in der Schule, im Betrieb, in der Uni, auf der Straße. Dazu gehört, selbst aktiv zu werden, die Erinnerung wach zu halten, neue Formen des Gedenkens auszuprobieren, sich auszutauschen mit den letzten Überlebenden oder mit ihren Nachkommen. Und dazu kann auch gehören, den eigenen Horizont zu erweitern – beispielsweise durch eine Gedenkstättenfahrt oder auch durch eine gemeinsame Reise nach Israel.

Die ver.di Jugend bietet in Kooperation mit den anderen DGB-Gewerkschaftsjugenden regelmäßig solche Austausche an.