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  • Gestresstes Pärchen vor einem Haufen Rechnungen
11.04.2013

Bedarfsgemeinschaft nicht mehr zeitgemäß

Über ein lebensfernes Modell

Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Immer mehr Frauen sind erwerbstätig. Die Studie stellt allerdings auch fest, dass die so genannte Bedarfsgemeinschaft völlig an der Lebensrealität der Menschen vorbeigeht.

Seit etwa 15 Jahren befindet sich die Sozialpolitik der Bundesrepublik Deutschland im Umbruch. Was heute für die meisten jungen Menschen selbstverständlich ist, bedeutete für die ältere Generation – vor allem aus den alten Bundesländern – eine enorme Umstellung. Noch Ende der 90er Jahre musste die EU die „Aktivierung“ der Frauen propagieren, um deren höhere Beteiligung am Arbeitsmarkt anzuregen.

Heute sind immer mehr Frauen in der Bundesrepublik erwerbstätig. Sie verdienen sich „ihr eigenes Geld“. Das macht sie unabhängiger und ermöglicht ihnen ein selbstbestimmtes Leben. Bei längerer Erwerbslosigkeit sieht das allerdings schon ganz anders aus: Hier hat die Hartz-IV-Reform das genaue Gegenteil bewirkt.

Denn wer den eigenen Job verliert, ist auf die Partnerin oder den Partner angewiesen. Auch wer aufstockende Finanzhilfen beantragt, muss das Einkommen des Partners oder der Partnerin offenlegen. Die Einkommensungleichheit verstärkt im unteren Lohnsektor somit die Abhängigkeit der Frau vom Mann.

Mehrheit gegen Versorgungszwang
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hans Böckler Stiftung haben für ihre Studie über 1.000 Paare befragt – Erwerblose wie Beschäftige. Über 75 Prozent sind gegen die staatliche Vorgabe, dass jemand mit einem mittleren Einkommen den bzw. die erwerbslose_n Lebenspartner_in versorgen muss.

Rund 80 Prozent sind demnach auch gegen eine Anrechnung von Ersparnissen der Partnerin oder des Partners auf die Hartz-IV-Leistungen. Die meisten Paare sind zwar bereit, sich finanziell gegenseitig zu helfen. Durch gesetzliche Verpflichtungen entsteht jedoch eine Abhängigkeit, die oft negative Auswirkungen auf die Beziehung hat.

Die Verfasser_innen der Studie stellen fest: "Die vom Gesetzgeber unterstellte Versorgungsgemeinschaft entspricht überwiegend nicht der Sicht der Paare". Insbesondere vor dem Hintergrund, dass lediglich 38 Prozent aller Paare – auch ältere – ihr Geld zusammenlegen. Besonders jüngere Paare neigen ohnehin zu getrennten Kassen und Konten.

Die Forscherinnen und Forscher kommen zu folgendem Ergebnis: Die meisten Paare befürworten die Regelungen des SGB II nicht. Die Befragten wünschen sich Beziehungen, in denen die Menschen füreinander einstehen und wollen einen Sozialstaat, der die Bürgerinnen und Bürger absichert – im Falle von Erwerbslosigkeit oder Krankheit und im Alter.

Angst vor der Zukunft
Die Studie belegt, dass immer mehr Menschen Angst haben vor Altersarmut und dem Wegbrechen der gesundheitlichen Grundsicherung. Lediglich 30 Prozent der Befragten glauben, dass der Staat den momentanen Lebensstandard auch im Alter oder bei Krankheit absichert. Aus diesem Grund sprach sich die überwiegende Mehrheit beispielsweise für eine Umverteilung der Einkommen aus, einen garantierten Mindestlohn und Wohnraum sowie für eine flächendeckende Gesundheitsversorgung.

Soziale Gerechtigkeit ist ein Anliegen der meisten Menschen. Die ver.di Jugend verweist deshalb auf den bundesweiten Aktionstag am Samstag, 13. April 2013 und ruft alle zur Beteiligung auf.

Studie zum Nachlesen
"Sozialstaatliche Transformationen: Auswirkungen auf familiale Verpflichtungszusammenhänge und die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit"