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24.09.2014

Antimuslimischer Rassismus

Warum auch Gleichgültigkeit eine Form von Alltagsdiskriminierung ist

Die Zahl der Angriffe auf muslimische Einrichtungen in Deutschland steigt deutlich. Und obwohl dieser Anstieg durch die Medien geht, stehen Muslime meist alleine da, wenn es ernst wird. Eine hierzulande weitverbreitete Ignoranz – und eine gefährliche Form des „Rassismus im Alltag“.

Kritik am Islam zu üben ist populär und erscheint vielen unproblematisch. Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center ist diese Religion in den skeptischen Blick der Öffentlichkeit und nicht zuletzt der Sicherheitsbehörden gerückt. Immer wieder werden dabei auch Grenzen verwischt zwischen Islam und Islamismus. Immer wieder werden damit alle gläubigen Muslime pauschal zur potenziellen Bedrohung erklärt.

Dagegen sieht die Sache völlig anders aus, wenn ein Christ wie Anders Breivik einen Bombenanschlag auf das norwegische Regierungsviertel verübt und im Anschluss 77 Menschen ermordet. Diese Welt wird in der Öffentlichkeit nicht einfach in schwarz und weiß aufgeteilt. Nach solch einem Vorfall kommt freilich niemand auf die Idee, plötzlich Angst vor pauschal allen Menschen christlichen Glaubens zu haben und diese zu bekämpfen – geschweige denn, sie ausweisen zu wollen.

Gemessen wird mit zweierlei Maß
Wie bei allen Rassismusausprägungen geht mit dieser Abwertung des fremden Anderen – "muslimischen" – die Aufwertung des bekannten Eigenen – "christlich-westlichen" – einher.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die sogenannte "Kopftuchdebatte" verinnerlichen: Solange Putzfrauen oder die Verkäuferin im Gemüseladen dieses Kleidungsstück tragen, stört es niemanden. Wollen aber Anwältinnen oder Ärztinnen ihr Haar damit bedecken, bricht ein Sturm der Entrüstung los. Dies zeigt klar, dass hier gesellschaftliche Zugangschancen verhandelt werden – zum Nachteil derer, die aufgrund ihres muslimischen Glaubens ein Kopftuch tragen möchten.

Eklatante Widersprüche, die mit zweierlei Maß messen und deutlich machen, dass es sich bei Antimuslimischer Diskriminierung um eine Art von Rassismus handelt, die eher (Otto-)normal gekleidet ist, anstatt mit Springerstiefeln daher zu kommen.

Pauschale Vorurteile sind weit verbreitet
Von diesem Antimuslimischen Rassismus – auch als Islamophobie oder Islamfeindlichkeit bekannt – sind viele Menschen betroffen. Angefeindet werden nicht „nur“ tatsächlich gläubige Moslems und Muslimas (was bereits schlimm genug wäre), sondern diese Form des Rassismus richtet sich gegen durchweg alle, denen aufgrund bestimmter äußerlicher Merkmale, ihrer Herkunft oder Kultur eine muslimische Religionszugehörigkeit unterstellt wird.

Das heißt konkret: Selbst religiös verfolgte Christ_innen oder Atheist_innen, die aus einem muslimischem Land fliehen, können in der BRD als Moslem oder Muslima diskriminiert werden. Auch wenn die Großeltern vor 50 Jahren aus einem der kirchenunabhängigsten Länder der Welt nach Deutschland kamen – nämlich aus der Türkei – sehen heute viele diese Herkunft als muslimisch.

Rassismus differenziert auch in diesem Fall nicht, sondern heftet bewusst einen pauschalen Makel an den Begriff "Islam" und wirft ihm vor, grundsätzlich rückständig, frauenfeindlich, aggressiv oder terroristisch zu sein. Das Verhältnis der meisten Deutschen zu Muslimen ist dadurch unterkühlt, denn derart pauschale Vorurteile gegen die islamische Religion sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet und anschlussfähig.

Auf dieser Grundlage werden alle Menschen über einen Kamm geschert und ausgegrenzt, die der Gruppe der Moslems und Muslimas zugerechnet werden. Dabei spielt es keine Rolle, welche Bedeutung die Religion im Leben dieser Menschen spielt – oder ob sie überhaupt eine spielt.

Auch zwischen den verschiedenen Strömungen des Islams findet keine Unterscheidung statt – geschweige denn, dass der Islam als vielfältige und größte Weltreligion wahrgenommen wird.

Die Kälte muss aus den Köpfen
Als 2011 die NSU-Mordserie an die Öffentlichkeit kam, verursachte das bei Muslimen in Deutschland einen noch nie dagewesenen Schock. Das fragwürdige Versagen der deutschen Behörden im Zusammenhang mit der NSU führte zu einem Bruch, der noch immer nicht geheilt ist. Denn: Die Ignoranz in staatlichen Institutionen und leider auch in der breiten Öffentlichkeit hält immer noch an, Moscheen werden niedergebrannt, ohne dass dies wirkliche Beachtung oder gar eine entschlossene, groß angelegte Gegenwehr erzeugen würde.

All das sind grausame Beweise für die Gleichgültigkeit, die Muslimen hierzulande entgegengebracht wird. Und eine solche Ignoranz kippt leider selten in Freundschaft, aber häufig in Argwohn und Verdächtigungen. Deswegen dürfen zunehmende Übergriffe nicht mehr als Einzelfälle abgetan, sondern müssen als struktureller Hass auf Muslime wahrgenommen und entsprechend behandelt werden. Eben ganz genau so, wie wir es bei zunehmenden Übergriffen auf christliche Einrichtungen erwarten würden.

Um die Kälte in den Köpfen und dieses „zweierlei Maß“ zu beseitigen, bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Debatte und einer breiten Aufklärung. Wir legen vor und empfehlen euch eine Ausgabe der "Blickpunkt" von der DGB-Jugend zum Thema „Antimuslimischer Rassismus“. Und setzen noch eins drauf mit einem Video-Tipp zum Thema (siehe unten).

In diesem Sinne: Schaut hinter die Kulissen, bevor ihr urteilt! Und engagiert euch aktiv gegen Diskriminierung in eurem alltäglichen Umfeld!

Wir unterstützen euch, zum Beispiel mit unseren Argumentationshilfen gegen Alltagsrassismus. Und sind jederzeit für euch da, wenn ihr Rückendeckung braucht: Wendet euch einfach an eure ver.di Jugend vor Ort!