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26.10.2012

Integrationsbericht 2012

Gebildet, aber kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Der Integrationsbericht 2012 der Bundesregierung zeigt: Trotz guter Leistungen in Schule und Ausbildung bleibt der Arbeitsmarkt für Menschen mit Migrationshintergrund diskriminierend.

In der Bundesrepublik Deutschland leben ca. 16 Millionen Migrantinnen und Migranten, lediglich neun Millionen von ihnen besitzen einen deutschen Pass.

Dass so viele Menschen, die hier mitunter geboren wurden, trotzdem keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, ist nicht ohne die Entwicklungen der jüngeren deutschen Geschichte zu verstehen. Die rassistische Stimmung innerhalb der deutschen Gesellschaft seit Anfang der 90er Jahre ging mit einer schrittweisen Aushöhlung bis hin zur faktischen Abschaffung des Asylrechts einher - gleichzeitig verschärfte die Politik das Einwanderungsgesetz massiv.

Der im vergangenen Juni veröffentlichte „9. Bericht über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland“ der Bundesregierung zeigt, dass Migrant_innen weiterhin deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das gilt, obwohl sie sich oft mehr bemühen als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Migrationshintergrund.

Musterschüler_innen
Positiv ist das steigende Bildungsniveau von Migrant_innen. Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind, besuchen inzwischen häufiger das Gymnasium als ihre nicht-migrantischen Altersgenoss_innen.

Dementsprechend stieg von 2005 bis 2012 auch der Anteil der Migrant_innen mit (Fach-)Hochschulreife um 36 Prozent an. Ebenso ging die Quote zum Schulabbruch in den letzten sechs Jahren um fast 40 Prozent zurück.

Laut Bericht gibt es ebenfalls Fortschritte in der beruflichen Bildung: Die Ausbildungsquote stieg seit 2007 um über drei Prozent auf 33,5 Prozent.

Kitas immer beliebter
Mit 85 Prozent besuchen erfreulicherweise immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund ab ihrem dritten Lebensjahr eine Kita.

Mangelhaft bleibt allerdings die Qualität und Beschaffenheit von Sprachtests im Vorschulalter. Sie sind von Bundesland zu Bundesland völlig unterschiedlich.

Teilnahme an Integrationskursen
Migrant_innen wollen Deutsch lernen. Seit 2005 erhielten laut Studie über eine Million Menschen die Teilnahmeberechtigung für einen so genannten Integrationskurs. Gerade Migrant_innen, die schon länger in Deutschland leben, nehmen dieses Angebot verstärkt an.

Zwischen 2005 und 2012 stieg auch ihre Teilnahme an beruflicher Fort- und Weiterbildung um 26 Prozent.

Ehrenamt ist angesagt
Im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund engagieren sich jugendliche Migrant_innen auch häufiger ehrenamtlich: Über 35 Prozent sind laut Bericht in gemeinnützigen Vereinen oder Organisationen aktiv.

Die Kehrseite auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt
Trotz dieser Fortschritte hat prozentual gesehen nur die Hälfte der Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen Ausbildungsplatz. Auch die Arbeitslosigkeit ist bei Migrant_innen doppelt so hoch wie bei Menschen, die nicht auf Grund ihrer Herkunft stigmatisiert und diskriminiert werden (können).

Das zeigt sich zum Beispiel an der „Beschäftigungslücke“ – dem Unterschied zwischen der Erwerbstätigenquote von Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Sie ist von 2005 bis 2012 nicht gesunken, sondern um drei Prozent auf 12,3 Prozent angestiegen.

Armutsfalle „Migrationshintergrund“
Darüber hinaus macht die Studie deutlich: Migrant_innen sind doppelt so häufig von Armut betroffen, sie sind doppelt so häufig auf staatliche Sozialhilfe angewiesen und doppelt so häufig leben sie trotz Erwerbstätigkeit unterhalb der Armutsgrenze. Gleichzeitig sind sie in Parteien und Parlamenten weiterhin unterrepräsentiert.

Sprache diskriminiert
Was ist das Problem? Viele Mitbürger_innen nehmen Menschen mit Migrationshintergrund - mit oder ohne deutschen Pass - immer noch als Fremde wahr.

Diese Ausgrenzung erleben Menschen in allen Lebensbereichen, auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist sie allerdings besonders fatal. Denn ohne ökonomische Unabhängigkeit bleibt ein wichtiges Teilhaberecht unserer Gesellschaft verwehrt.

Diskriminierung fängt schon mit der Sprache an. Peinlich, geradezu rückständig sind die stigmatisierenden Formulierungen der Bundesregierung selbst. In der Studie hat die Hälfte der Studienteilnehmenden die deutsche Staatsbürgerschaft. Dennoch gibt der Bericht im Titel und in seinen Ausarbeitungen fortführend Auskunft über „Ausländer und Ausländerinnen.“

Diese ausgrenzende Zuschreibung ist beschämend und falsch. Auf diese Weise verfestigt die Bundesregierung ein sprachliches Stigma, das die schwierige Situation von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt mitbestimmt.

Der Bericht bestätigt das. So sei "ein erheblicher Teil der Unterschiede zwischen Personen ohne und mit Migrationshintergrund mit Ungleichheiten der sozialen Herkunft oder mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus zu erklären […]."

Das Problem ist also nicht die (regionale) Herkunft, sondern der soziale Status, die beschränkten Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Die „beste“ Integrationspolitik ist demnach eine gute und gerechte Bildungs-, Arbeits- und Sozialpolitik.