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  • Spielfiguren unterschiedlicher Farbe stehen für die kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft
05.03.2012

Muslimische Jugend wieder in der Presse

Bundesinnenministerium veröffentlicht fragliche Studie

Eine Studie des Bundesinnenministeriums zu muslimischen Jugendlichen in Deutschland hat die Debatte um die Integration des Islam neu entfacht. Die Studie weist jedoch erhebliche Mängel auf. Vor diesem Hintergrund spricht sich ver.di Jugend entschieden gegen jede Form der Diskriminierung von muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus.

Seit letzter Woche darf man sich schon etwas wundern: Das Bundesinnenministerium gibt 2009 eine Studie in Auftrag, die herausfinden soll, ob „junge Muslime in Deutschland auf Grundlage ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen als integriert beziehungsweise radikalisiert“ beurteilt werden können. Drei Jahre Steuergelder und ambitionierter Sozialforschung später stellt das Innenministerium die ersten Ergebnisse vorab der BILD-Zeitung zur Verfügung. Diese titelt letzten Donnerstag, (1. März): „Studie belegt: Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren“.

Allein die Ausgangsfrage der Studie könnte seit den letzten Debatten um den Islam in Deutschland als weitere Provokation an unsere muslimischen Mitbürger/-innen verstanden werden. War früher der „ausländische“ Hintergrund das Problem, ist man seit einigen Jahren auf das religiöse Erbe von Menschen mit Migrationshintergrund gepolt. Damit jedoch nicht genug. Erstaunlicherweise formuliert selbst der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ein tendenziöses Ergebnis: „Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten. Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben.“

Das Spiel mit den Zahlen
Bei genauem Hingucken zeichnet die 764 Seiten starke Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ hingegen das nach, was viele andere Studien zuvor auch schon in Zahlen und Worte gepackt haben: Menschen in Deutschland, die sich dem Islam zugehörig fühlen, sind gegenüber Deutschland generell positiv eingestellt. Die Zahlen und Aussagen, mit welchen sich die BILD und andere Medien seit letzter Woche beschäftigten gleichen da eher Rosinenpickerei um Schlagzeilen zu machen. Bei einem eingehenderen Blick in die Studie wird aber auch klar: Keinesfalls ist sie repräsentativ.

Die Befunde können also nicht einfach auf junge Muslime und Musliminnen in Deutschland verallgemeinert werden. Auch die Herangehensweise der Studie ist äußerst fraglich. Viele Fragen wurden nur suggestiv gestellt und lassen einen großen Interpretationsspielraum bei der Auswertung. Die abgefragten Einstellungen zu Antisemitismus oder der Gewaltbereitschaft unterscheidet sich so beispielsweise gar nicht von den Einstellungen anderer Bevölkerungsgruppen. „Man ist an Radikalisierungstendenzen interessiert, verhält sich aber selbst wie der Elefant im Porzellanladen“, empört sich Bundesjugendsekretär Ringo Bischoff, „da frage ich mich, was man mit der Studie eigentlich bezwecken will.“

Von welcher Integration ist die Rede?
Die Studie möchte „Integration“ fassbar machen. Das ist ein äußerst schwieriges Unterfangen und kann keinesfalls allein mit der Identifikation mit Deutschland verstanden werden. Allzu schnell wird auch vergessen, wo Abwehrhaltungen eigentlich herrühren. Fakt ist, dass junge Muslime und Musliminnen aufgrund ihres Glaubens in Deutschland oft diskriminiert werden, auf dem Schulhof, in der Ausbildung und später im Berufsleben. Das fördert kein friedliches Zusammenleben, wozu immer zwei Seiten bereit sein müssen. Anerkennung von Andersartigkeit ist da immer der erste Schritt. Damit das zumindest strukturell angelegt ist, setzt sich ver.di Jugend für faire Lebenschancen ein. Und für Lebenschancen, die für alle gelten - unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit.