Argumentationshilfen

Immer die anderen?
Ob im Betrieb, in der Kneipe oder bei Familienfeiern: Es wird gelästert, beleidigt, gemobbt und gelegentlich sogar geschlagen. Menschen anderer Religion, Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung oder anderen Geschlechts werden diskriminiert. Doch oft sind wir sprachlos. Wissen nicht, wie wir antworten sollen. Vor allem wenn der Fußballfreund oder die nette Tante ihre diskriminierenden Einstellungen zeigen.  

Entgegnen – überall
Rassismus beschränkt sich nicht auf die rechte Szene. Er begegnet uns überall. Auch in Schule und Beruf. Und wir können überall etwas dagegen tun. Indem wir etwas dagegen sagen. Indem wir uns der Auseinandersetzung stellen. Überzeugte Rassist_innen oder Nazis werden ihre Meinung vielleicht nicht durch ein Gespräch ändern. Aber sie spüren den Gegenwind. Und du kannst Zuhörer gewinnen und begeistern. Für Solidarität und Gleichheit.

Das Schweigen brechen 
Hier findest Du einige weit verbreitete diskriminierende und rassistische Vorurteile. Und Fakten und Argumente, mit denen du sie entkräften kannst. Du kannst diskriminierenden und fremdenfeindlichen Äußerungen den Boden entziehen.

  • Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. — Diese Einstellung ist leider weit verbreitet. Nicht nur bei Parteien wie der NPD. Auch im bürgerlichen Spektrum. Doch hier treffen sich Vorurteil und Unkenntnis.

    Arbeit für Ausländer_innen?
    Deutsches Recht schreibt vor, dass ein Arbeitsplatz nur an Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit vergeben werden kann, wenn zuvor keine_kein Deutsche_r für diese Arbeit gefunden wurde. 

    Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa
    Innerhalb der Europäischen Union kann jede_r Unionsbürger_in in jedem Mitgliedstaat, deren_dessen Staatsangehörigkeit sie_er nicht besitzt, unter den gleichen Voraussetzungen eine Beschäftigung ausüben wie eine_ein Angehörige_r des Staates. Wie beispielsweise deutsche Saisonarbeiter_innen in der Schweiz.

    Viele Arbeitslose - wenig Ausländer_innen
    In den neuen Bundesländern gibt es die höchste Arbeitslosenquote. Obwohl hier die wenigsten Ausländer_innen leben.

    Andere investieren in Deutschland
    Ausländische Unternehmen tätigen in Deutschland Investitionen. Und die deutsche Wirtschaft ist dringend auf sie angewiesen: Über 220.000 ausländische Unternehmen haben inzwischen über 2,7 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Auch für Deutsche.

    Arbeitsplätze schaffen
    Selbständige Ausländer_innen schaffen doppelt so viele Arbeitsplätze wie vergleichbare deutsche Existenzgründer_innen.

    Alte Deutsche
    Aus demographischen Gründen braucht Deutschland Einwanderer_innen. Die Gesellschaft droht zu überaltern. Fachkräfte fehlen. Zuwanderung hilft.

    Das Recht auf Hoffnung
    Ganz grundsätzlich: Es ist legitim, wenn Menschen hierher kommen, die Deutschland nicht in erster Linie „nutzen“. Die Hoffnung auf eine bessere Lebensperspektive oder die Suche nach Schutz vor Hunger und Verfolgung sind mehr als ausreichende Gründe. Es sind Menschenrechte.

  • Arbeitslose Ausländer sind selbst schuld, weil sie schlecht qualifiziert sind. — Der faule, dumme Ausländer hält sich hartnäckig als Vorurteil. Die Sachlage scheint einfach. Ist sie das?

    Fehlende Anerkennung
    Ausländische Diplome und Abschlüsse werden in Deutschland oft nicht anerkannt. Ob Ärtz_in oder Ingenieur_in. In Deutschland können sie nicht ohne weiteres arbeiten.

    Mechanismen der Ausgrenzung
    Ausländische Schüler_innen und Auszubildende betreffen ausgrenzenden Mechanismen besonders hart. Zum Beispiel die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Schicht. Oder der Bildungsstandard der Eltern.

    Bilden, bilden, bilden
    Ein hehres Ziel. Doch Arbeitsämter übergehen bei Weiterbildungsmaßnahmen viele Ausländer_innen, weil ihnen Bildungsferne und andere Vermittlungshemmnisse unterstellt werden. Dabei sind beispielsweise überdurchschnittlich viele Schüler_innen von Abendschulen Ausländer_innen. Sie sind also motiviert, fehlende Bildungsstandards nachzuholen.

  • Ausländer sind krimineller als Deutsche. — Verweise auf die Kriminalstatistik werden gern angeführt. Sie scheint Sicherheit zu geben. Für die Rechtfertigung ausländerfeindlicher Einstellungen und Bemerkungen. Die Statistik lügt schließlich nicht. Oder?

    Unterschiedslos Ausländer_in
    Die Statistik umfasst alle von Nicht-Deutschen begangenen Straftaten. Also auch die, welche von Durchreisenden, Tourist_innen, usw. begangen worden sind. Dazu zählen zum Beispiel auch Gewaltdelikte von Hooligans am Rande von Fußballspielen.

    Nicht jede_r kann jedes Delikt begehen
    Die Statistik beinhaltet auch Vergehen, die überhaupt nicht von deutschen Staatsbürgern_innen begangen werden können. So zum Beispiel Verstöße gegen das Ausländer- und Asylrecht.

    Ist verdächtig genug?
    Die Statistik listet nur Verdächtige auf und keine Verurteilungen. Nicht selten werden nicht-deutsche Menschen jedoch vorschnell einer Straftat verdächtigt. Auch aufgrund rassistischer Vorurteile. Die Zahl verurteilter ausländischer Personen ist entsprechend deutlich kleiner als die der Verdächtigten. Und straft die Statistik somit „Lügen“.

    Ursachen von Kriminalität
    Eindimensionale Erklärungsansätze fassen beim Thema Kriminalität zu kurz. Du kannst dein Gegenüber auf die gesellschaftspolitische Dimension des Problems hinweisen. Denn kriminelles Verhalten kann auch als – falsche – Lösung von mangelnden Perspektiven und Chancen herrühren. Und die müssen keineswegs „selbstverschuldet“ sein.

    Migrant_in zu sein ist schwer
    Migrant_innen finden deutlich schwerer einen Ausbildungsplatz oder Beruf als ihre deutschen Mitbewerber_innen. Die Quote war 2007 mit 20,3 % fast doppelt so hoch, wie in der Gesamtbevölkerung. Laut einer Umfrage der Friedrich-Ebert Stiftung von 2011 will sogar jeder Fünfte Arbeitgeber das Recht, nur Einheimische einzustellen.

    Gleiche Chance für alle?
    Nach dem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz wünschen sich viele. Doch selbst bei gleichen Leistungen: Die Chancen migrantischer Schüler_innen eine vollqualifizierende Ausbildung zu beginnen, liegen deutlich unter denen von deutschen Abgänger_innen.

  • Ausländer kommen nur nach Deutschland, um den Sozialstaat auszunutzen. — Es ist alarmierend: Knapp ein Drittel der Bevölkerung stimmt dieser Aussage zu. Das hat eine Studie der Friedrich-Ebert Stiftung aus 2010 ergeben.

    Kein Grundrecht auf Asyl
    Seit der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl im Jahr 1993 ist die Anzahl der Asylbewerber_innen in Deutschland kontinuierlich gesunken.

    Deutschland – wie findet man den Weg ins „Paradies“?
    Mit der Osterweiterung der Europäischen Union und der Ausweitung des Schengener Abkommens ist es für Flüchtlinge von außerhalb Europas kaum noch möglich, Deutschland überhaupt zu erreichen.

    Abschiebungspraxen
    Nach Deutschland dürfen kommen: Kriegsflüchtlinge, Folteropfer und politisch Verfolgte. Und selbst hier wird strikt überprüft. Und im Zweifel abgeschoben.

    Wer bekommt was?
    Sozialleistungen erhalten in Deutschland grundsätzlich nur Menschen mit dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung. Asylbewerber_innen und Flüchtlinge erhalten 40,- € Taschengeld im Monat. Plus ein Mindestkontingent für Essen, Wohnen und Körperhygiene. Plus das Verbot, den jeweiligen Landkreis zu verlassen oder bezahlte Arbeit anzunehmen. Sie haben also keine andere Wahl, als die Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.

    Migrant_innen bereichern
    Bei einer Kosten/Nutzen-Rechnung stellt man fest: Migrant_innen stützen mit ihren Steuerleistungen das Sozialsystem insgesamt deutlich stärker, als dass sie es belasten. Im Jahr 2004 hat die_der durchschnittliche Zuwanderer_in das deutsche Sozialsystem mit 8774,-€ unterstützt und es mit nur 7866,- € belastet. Dies unter anderem auch, weil Migrant_innen in der Regel nur wenig Rente erhalten.

  • Deutschland und seine Kultur werden durch die vielen Ausländer in gefährlichem Maße überfremdet! — Über 31% der Deutschen stimmen dieser Aussage laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2010 zu. Aber wer ist mit „den Ausländern“ gemeint?

    Alle in einen Topf?
    Oft werden bei solchen Aussagen Ausländer_innen (Menschen ohne die deutsche Staatsangehörigkeit), Menschen mit Migrationshintergrund (alle Menschen, die selbst oder deren Eltern/Großeltern nach 1949 in das Gebiet der heutigen BRD zugezogen sind) und Menschen, die einfach anders aussehen, vermengt.

    Ein bisschen Migrant ist fast jede_r
    Viele der Menschen, die sich heute ganz selbstverständlich als Deutsche sehen, haben in ihrer Familiengeschichte selbst einen Migrationshintergrund.

    Geben und Nehmen
    Die BRD hat über viele Jahre gezielt Menschen aus anderen Ländern angeworben. Sie waren willkommen. Um hier den Arbeitskräftemangel auszugleichen.

    Typisch deutsch?
    Vieles, was wir heute als typisch deutsch ansehen, ist durch andere Länder und Kulturen geprägt. Bier beispielsweise wurde auf dem Gebiet des heutigen Irak erfunden. Und auch unsere Sprache ist vielfältiger als das Hochdeutsch. Nehmen wir beispielsweise Bayer_innen und Pfälzer_innen. Sprechen beide in ihrem Dialekt, werden sie sich kaum verstehen.

  • Eine Frauenquote kann auch nicht die Lösung sein.  — Frauen in Führungspositionen erhitzen schnell die Gemüter. Geschlechtergerechtigkeit wollen viele, doch bei der Frage nach dem Mittel zum Zweck scheiden sich die Geister.

    "Eine Frauenquote diskriminiert Männer!"
    Eine Frauenquote soll Männer nicht diskriminieren, sondern eine systematische Ausgrenzung von Frauen bei Neueinstellungen und bei der Besetzung von Führungspositionen verhindern.

    Studien zeigen, dass das bisherige Rekrutierungsverfahren von Männern diskriminierend für Frauen ist: Männer berücksichtigen bei Einstellungs- und Förderentscheidungen tendenziell ihresgleichen, also Männer. Eine gesetzliche Regelung muss her, weil dieses Verhalten durch freiwillige Abmachungen bisher nicht durchbrochen wurde.

    "Ist es denn nicht ungerecht, wenn Frauen bevorzugt werden?"
    Unsere Bevölkerung besteht zu fünfzig Prozent aus Frauen. Ist es nicht ungerecht, wenn sie nur zu einem verschwindend geringen Anteil Positionen mit Gestaltungsraum in der Gesellschaft einnehmen?

    Frauen werden durch eine Quotierung nicht bevorzugt, ihnen wird aber eine faire Teilhabechance ermöglicht. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der Frauen und Männer gleichermaßen in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft beteiligt sind.

    "Eine gesetzliche Quote verletzt die unternehmerische Freiheit!"
    Seit elf Jahren gibt es eine Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Arbeitgeberverbänden zur Förderung der Chancengleichheit in der Privatwirtschaft. Sie blieb bis heute ohne jede feststellbare Wirkung und ist daher als gescheitert anzusehen.

    Laut Untersuchungen war die so genannte Wirtschaftskrise auch eine Krise der Kontrollgremien, die infolge ihrer fast ausschließlich männlichen Zusammensetzung erheblich versagt haben.

    Nach unserem Verständnis ist es eine der zentralen Aufgaben des Staates, die Wirtschaft demokratisch so zu kontrollieren, dass sie den Menschen dient – nicht umgekehrt. Dementsprechend muss der Staat hier regulierend einschreiten.

    "Nicht Geschlecht, sondern Leistung und Qualifizierung sollen die Besetzung von Führungspositionen bestimmen. Eine Quote macht Geschlecht zum Auswahlkriterium!"
    Die Realität zeigt aber, dass auch ohne Quote das Geschlecht eine Rolle spielt – und zwar zugunsten von Männern, die sich gegenseitig die guten Positionen zuschieben. Eine Quote soll nicht ändern, dass Leistung das erste Auswahlkriterium bleibt. Sie soll aber für eine gerechtere Berücksichtigung der Kategorie „Geschlecht“ sorgen.

    Außerdem gilt: Frauen haben mittlerweile die höheren Bildungsabschlüsse. Trotzdem liegt der Anteil der Frauen in Führungspositionen in den 200 größten Unternehmen bei unter zehn Prozent, im Top-Management sogar nur bei rund drei Prozent. Es überzeugt wenig, dass Frauen mit dem Einstieg in die Berufswelt auf einmal weniger leistungsfähig sein sollen als während der Ausbildung.

    "Frauen wollen sowieso keine Karriere machen, sondern lieber die Kindererziehung übernehmen!"
    Falsch - Frauen wollen Kinder und Karriere, denn sie übernehmen gerne Verantwortung. Im Beruf kommen sie nur nicht dazu, weil Männer sich gegenseitig in hohe Ämter rekrutieren.

    Frauen machen gute Geschäfte: US-amerikanische Studien belegen einen Zusammenhang zwischen einem höheren Anteil von Frauen im Aufsichtsrat und einer höheren Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Demnach haben Frauen wichtige Entwicklungen am Markt besser im Blick und erwirtschaften kontinuierlicher Gewinne als Männer.

    Frauen sind aber auch gerne Mütter – daher brauchen wir eine Familienpolitik, die Kinder und Karriere zulässt.

    "Eine fixe Quote lässt sich in Branchen und Unternehmen mit nicht ausreichend qualifizierten Frauen kaum aufrechterhalten!"
    Davor brauchen wir keine Angst zu haben – Norwegen hat es vorgemacht: Nach Einführung der Frauenquote tauchen dort innerhalb kürzester Zeit die qualifizierten Frauen auf, die doch all die Jahre zuvor scheinbar nicht zu finden waren.